Kerstin Woyke Pereira
Ich bin aufgewachsen dort, wo Deutschland einen Riss hatte.
Ein Dorf am Rand, ein Schlagbaum, dahinter ein Ort, den ich sehen, aber nicht betreten durfte. Von meinem Kinderzimmer aus konnte ich den Schlagbaum erkennen. Er war geschlossen. Immer! Schon als Kind habe ich verstanden: Es gibt Wege, die vor deinen Augen liegen und trotzdem nicht für dich bestimmt sind.
Auf den Fahrten in die Kreisstadt klebte ich am Fenster von Auto oder Bus. Im Graben neben der Straße liefen Hunde an langen Leinen, ausgehungert, unruhig. Sie waren so gehalten, dass sie auf jedes Lebendige gesprungen wären, das sich ihnen näherte. Damit niemand „einfach so“ hinüberläuft. Dieses Bild hat sich eingegraben: der geschlossene Weg, der Graben, die kreisenden Hunde. So sah für mich Begrenzung aus.

Drinnen, am Küchentisch, wurden die Stimmen leiser, wenn es politisch wurde. Die offenen Worte meines Vaters über die Probleme im Land blieben nicht ohne Folgen. Ich habe früh gespürt, wie Kontrolle klingt, wie sich Angst in den Körper schreibt und wie klein ein Raum werden kann, obwohl die Wände gleich bleiben. Währenddessen habe ich gemalt. Farben waren mein heimlicher Ausweg, meine zweite Wirklichkeit. Auf Papier und Leinwand durfte alles auftauchen, was man besser nicht laut sagte.
Der Wunsch, Malerei zu studieren, war klar und stark. Doch wie der Schlagbaum vor meinem Fenster blieb auch dieser Weg verschlossen; durch Herkunft, Umstände, Erwartungen und innere Sperren, die sich wie unsichtbare Schranken in mir aufgebaut hatten. Also habe ich in der Begrenztheit gelernt, mir eigene Räume zu schaffen. Statt Hörsälen: Küchenlicht, Nachtstunden, Stapel von Bildern. Der lange, eigenwillige Weg, immer wieder neu anzufangen.
Später kamen Lebensabschnitte, in denen ich mich fast verloren hätte. Rollen, die eng wurden, Erwartungen von außen, Geschichten, die nicht mehr zu mir passten. Es waren Zeiten der Erschöpfung, des Zerbrechens, aber auch des Aufwachens. Aus diesen Kapiteln bin ich nicht unverletzt, aber verändert hervorgegangen. Ich musste mich mehr als einmal neu erfinden, aus Trümmern etwas Eigenes bauen und mir meinen inneren Platz zurückholen.
All das trägt meine Malerei in sich. Meine Bilder wachsen aus einem Leben mit sichtbaren und unsichtbaren Schlagbäumen, mit Gräben, in denen es gärt, mit Wegen, die erst dann entstehen, wenn man sie trotzig geht. Sie erzählen von Enge und Öffnung, von Rissen und dem Mut, durch diese Risse hindurch Licht zu lassen.
Ich male, um mich immer wieder neu zu finden und um Räume zu öffnen, in denen auch andere ihre eigenen Grenzen, Brüche und Möglichkeiten wiedererkennen können. Wenn meine Arbeiten etwas Besonderes haben, dann vielleicht das: Sie tun nicht so, als wäre alles glatt. Sie kommen aus einem Leben, das immer wieder auf Kante genäht war und genau daraus holen sie ihre Kraft.
Kerstin Woyke Pereira
Bildende Künstlerin
Geboren: 1967 in Leinefelde
Wohnort: Sonnenstein OT Holungen, Eichsfeld, Thüringen
Arbeitsort: Atelier Sonnenstein, Sonderstraße 37
Ausbildung: Autodidaktische künstlerische Entwicklung
Studien bei: Künstler Patric Devonas (CH), Künstlerin Sigrid Nienstedt (D)
Sammlungen:
Freiberuflich: seit 2013
Künstlerische Aktivitäten:
Projekte & Kooperationen:
Kerstin Woyke Pereira
Sonderstraße 37
37345 Sonnenstein OT Holungen
E-Mail: info@woyke-pereira.de
Festnetz: 036077 21244
Handy: 0157 80228441